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Vorgängeruntersuchung


Schulqualifikation und Lehrstellensuche  unter besonderer Berücksichtigung von nationaler Herkunft  und Geschlecht *

2000 - 2004


Urs Haeberlin, Prof. Dr. (Projektleitung)
Christian Imdorf, lic. phil. (Projektbearbeitung)
Winfried Kronig, Dr. phil. (Forschungsplan & Projektberatung)

Heilpädagogisches Institut der Universität Freiburg


Projektbeschrieb
Im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms Bildung und Beschäftigung (NFP 43) wurde am Heilpädagogischen Institut der Universität Freiburg (CH) von 2000 - 2004 ein Forschungsprojekt unter dem Titel „Die Bedeutung formaler und inhaltlicher Bildungsqualifikationen für die Lehrstellensuche von in- und ausländischen Jugendlichen unter besonderer Berücksichtigung des Geschlechts“ durchgeführt. Die Studie hat sich mit Fragen zur Rolle der Volksschule hinsichtlich der Berufsfindung von SchulabgängerInnen  befasst.

Insbesondere wurde geprüft, inwiefern die Merkmale Schulqualifikation, Nationalität und Geschlecht mit den Eintrittschancen von SchulabgängerInnen in den schweizerischen Berufsbildungsmarkt zusammenhängen. Vorgängig wurde analysiert, inwiefern die schulischen Selektionen von AbgängerInnen der Primarschule in die berufsrelevanten Schulzüge bzw. Leistungsniveaus der Sekundarstufe I nach leistungsgerechten Kriterien verlaufen. Schliesslich wurden Prozessdaten der Berufsfindung im Kontext eines nach Geschlecht und nationaler Herkunft segmentierten Ausbildungsmarkts ausgewertet.

Die Resultate zeigen, dass die schulischen Selektionen im Anschluss an die Primarschule nicht nur nach Leistungskriterien verlaufen. Dies macht einerseits die regional variierende Verfügbarkeit von niedrig und höher qualifizierenden Schulangeboten deutlich, die sich auf die Überrepräsentation zugewanderter und männlicher Jugendlicher in niedrig qualifizierenden Schultypen auf der Sekundarstufe I auswirkt. Andererseits hat eine Auswertung von Untersuchungsdaten gezeigt, dass bei durchschnittlichen Schulleistungen Schweizer Mädchen im Vergleich zu ausländischen Jungen doppelt so hohe Chancen haben, am Ende der Primarschule einem Schultyp mit erweiterten Leistungsansprüchen zugewiesen zu werden.

Von einer ‚leistungsgerechten‘ Selektion scheint man nur im unteren und oberen Leistungsspektrum sprechen zu können, nicht aber im mittleren Leistungsbereich, in dem sich besonders viele SchülerInnen wiederfinden. Die ungleiche Leistungsselektion in Abhängigkeit von nationaler Herkunft und Geschlecht wird dabei teilweise durch eine ungleiche Gewichtung von Schulnoten in den Übertrittsverfahren verdeckt. Damit kann eine Selektion entlang sozialer Merkmale gleichzeitig als meritokratische Selektion legitimiert werden.

Am Ende der Volksschule haben sich die Mathematiknote sowie der Schultyp als wichtig für eine erfolgreiche Lehrstellensuche herausgestellt. Die Aussicht ausländischer Schüler auf eine Lehrstelle hängt noch stärker davon ab als jene der Schweizer. Generell haben sich jedoch das Geschlecht und der Generationenstatus von Jugendlichen sowie das zur Verfügung stehende soziale Netzwerk von eher grösserer Bedeutung für die Besetzung einer Lehrstelle erwiesen als schulische Qualifikationen. Deren Bedeutung zeigt sich insbesondere an der Art der gefundenen Lehrstelle (u.a. hinsichtlich des Berufsstatus) sowie an der Art der zu einer Lehrstelle vorliegenden Alternative (Überbrückungsangebot vs. weiterführende Mittelschule).

Bei vergleichbaren Schulzeugnissen erhalten Jugendliche mit zwei Elternteilen schweizerischer Herkunft am häufigsten eine Lehrstelle, gefolgt von Schülern mit einem nicht-schweizerischen Elternteil und schliesslich jenen mit zwei Elternteilen ausländischer Herkunft. Zugewanderte Jugendliche der ersten Generation haben bei kontrollierten Schulqualifikationen weitaus die schlechtesten Lehrstellenchancen. Um eine vergleichbar attraktive Lehrstelle zu erhalten, benötigen zudem junge Frauen eine bessere schulische Qualifikation als ihre männlichen Altersgenossen. Sekundarschulabschluss und gute Mathematiknoten ermöglichen generell Erfolg versprechendere Berufslehren. Jugendliche mit schlechten Mathematiknoten und/oder einem Realschulabschluss (entspricht in etwa dem deutschen Hauptschulabschluss), müssen sich nach der Schule häufiger mit einer Zwischenlösung begnügen.

Die Entwicklung der Berufswünsche verläuft in Bezug auf den Status der anvisierten Berufe in der Real- und Sekundarschule auf unterschiedlichen Niveaus. Dies zeigt sich am ausgeprägtesten bei den ausländischen Schülerinnen, die wesentlich höhere berufliche Aspirationen haben, wenn sie eine Sekundarschule besuchen. Generell werden die beruflichen Ambitionen im Verlauf des letzten Schuljahrs eher reduziert. Bei ungenügenden Mathematiknoten verschärft sich diese Tendenz. In nicht als geschlechtertypisch geltende Berufe führt eher die höher qualifizierende Sekundarschule als die Realschule.

Wie erklärt sich, dass bei gleichen Schulqualifikationen die männlichen Schweizer die besten und die ausländischen Mädchen die schlechtesten Lehrstellenchancen haben?

Zum einen erleichtern Privatkontakte im Sinne informeller Beziehungsnetze den Informationsfluss über offene Lehrstellen. Benachteiligungen bei der Lehrstellensuche aufgrund der Nationalität und des Geschlechts lassen sich teilweise darauf zurückführen. SchülerInnen ohne ausreichenden Zugang zu informellen Netzwerken sind auf den Ersatz angewiesen, der in den Angeboten der Berufsinformations- und Berufsberatungszentren gefunden werden kann. Eine weitere Möglichkeit, Kontakte zu Lehrbetrieben zu knüpfen, zeichnet sich im Absolvieren einer ‚Schnupperlehre‘ (kurzzeitiges Betriebspraktikum) ab.

Zum anderen entscheidet bei der Lehrstellenvergabe, wer eine positive Prognose im Hinblick auf ein erfolgreiches Absolvieren einer Lehre erhält. Zugeschriebene Tugenden wie Fleiss, Pflichtbewusstsein, Ordnung, Sauberkeit und Sorgfalt gelten möglicherweise als Garanten dafür, dass ein Lehrling bis zum Abschluss seiner Lehre durchhalten kann und damit eine Amortisation betrieblicher Investitionen in die Ausbildung gewährleisten kann. Bei Ausländerinnen kumuliert sich der Mangel an derartigen Vertrauenskrediten und an informellen Beziehungen besonders ausgeprägt.

Die Untersuchungsresultate zur Funktion von Schulnoten in den Selektionsverfahren veranlassen zudem zur These, dass Jugendliche mit einem geringen Vertrauensvorschuss bei den jeweiligen Abnehmern (Sekundarstufe I, Lehrbetriebe) von einer härteren Notenselektion durch solche Schulnoten betroffen sind, die ihr Leistungspotential ins Negative verzerrt abbilden.


Praktische Implikationen
Die theoretischen und empirischen Erkenntnisse implizieren Empfehlungen für die Schul- und Berufsbildungspraxis. Folgende Massnahmen werden empfohlen (ausführlicher dazu vgl. Haeberlin, Imdorf & Kronig 2004a, 2004b):

- herkunfts- und geschlechtsunabhängige Beurteilung von Lernleistungen durch die Schule

- vermehrte Unterstützung von Berufsfindungsprozessen benachteiligter Schüler in der Schule

- Erhöhung der Anzahl Ausbildungsplätze im privaten und öffentlichen Sektor

- Institutionalisierung von sozialen Netzwerken beim Übergang in die Berufsbildung

- Rechtliche und politische Gleichstellung von In- und Ausländern

- Informations- und Sensibilisierungskampagnen für Betriebe und Verwaltungen

- neue Aufgaben der Berufsberatungs- und Berufsinformationszentren

- Schaffung frauenfreundlicherer Rahmenbedingungen auf dem Arbeitsmarkt


Publikationen zum Projekt

Imdorf, Ch. (2001): Von der Schulbank in die Berufswelt - Ungleiche schulische und berufliche Integration von in- und ausländischen Jugendlichen auf den Sekundarstufen I und II. In: Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete, 70(3), 256-267
Haeberlin, U.; Kronig, W. & Imdorf, Ch. (2002). Die Bedeutung formaler und inhaltlicher Bildungsqualifikationen für die Lehrstellensuche von in- und ausländischen Jugendlichen, unter besonderer Berücksichtigung des Geschlechts. In: Horvath, F. (Ed.): Forum Bildung und Beschäftigung. Workshop-Dokumentation. Bern: NFP43, 295-298 
Haeberlin, U.; Imdorf, Ch. & Kronig, W. (2004). Schulqualifikation und Erfolg bei der Lehrstellensuche. Weshalb schweizerische sowie männliche Jugendliche bei der Lehrstellensuche erfolgreicher sind als ausländische sowie weibliche Jugendliche.
Haeberlin, U.; Imdorf, Ch. & Kronig, W. (2005). Schulqualifikation und Erfolg bei der Lehrstellensuche. Weshalb schweizerische sowie männliche Jugendliche bei der Lehrstellensuche erfolgreicher sind als ausländische sowie weibliche Jugendliche. In: M. Chaponnière, Y. Flückiger, B. Hotz-Hart, F. Osterwalder, G. Sheldon, K. Weber (Hrsg.): Forum Bildung und Beschäftigung / Forum Formation et Emploi / Forum Education and Occupation, Zürich: Rüegger.

Download ( Kurzbericht März 2004).
Imdorf, Ch. (2003): Organisational perspective on the transition from primary to secondary school: Tracking decisions depending on gender and ethnicity in the Swiss education system. In: Lasonen, J. & Lestinen, L. (Eds.): UNESCO Conference on Intercultural Education, 15-18 June 2003, Jyväskylä, Finland: Conference Proceedings. Institut for Educational Research, University of Jyväskylä
Kronig, W. (2003). Flawed Selection - The Example of Immigrant Children in Swiss Education System. In: Lasonen, J. & Lestinen, L. (Eds.): UNESCO Conference on Intercultural Education, 15-18 June 2003, Jyväskylä, Finland: Conference Proceedings. Institut for Educational Research, University of Jyväskylä 
Haeberlin, U.; Imdorf, Ch. & Kronig, W. (2004a): Chancenungleichheit bei der Lehrstellensuche: Der Einfluss von Schule, Herkunft und Geschlecht. NFP43 Synthesis 7. Bern / Aarau: NFP43 / SKBF 
Haeberlin, U.; Imdorf, Ch. & Kronig, W. (2004b). Von der Schule in die Berufslehre. Untersuchungen zur Benachteiligung von ausländischen und von weiblichen Jugendlichen bei der Lehrstellensuche. Bern: Haupt
Imdorf, Ch. (2004). Geschlechtsspezifische Selektion bei der Ausbildungsplatzvergabe. In: Schweizerische Konferenz der Gleichstellungsbeauftragten (Hrsg.). Achtung Gender. Ausbildungsverhalten von Mädchen und jungen Frauen: Trends und Tipps. Zürich: SVB, 99-112
Imdorf, Ch. (2004). Schulqualifikation und Lehrstellensuche unter besonderer Berücksichtigung von nationaler Herkunft und Geschlecht. In: Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete 73(3), 319-320
Kronig, W. (2004). Schulstruktur und Bildungserfolg - Zum Geltungsbereich von lokalen Systemeigenschaften für die Erklärung von Bildungsungleichheiten. In: SGBF/SGL/LLB: Schule und Familie - Perspektiven einer Differenz. Kongresspublikation
Haeberlin, U.; Imdorf, Ch. & Kronig, W. (2005). Verzerrte Chancen auf dem Lehrstellenmarkt. Untersuchungen zu Benachteiligungen von ausländischen und von weiblichen Jugendlichen bei der Suche nach beruflichen Ausbildungsplätzen in der Schweiz. In: Zeitschrift für Pädagogik 51(1), 116-134
Imdorf, Ch. (2005). Schulqualifikation und Berufsfindung. Wie Geschlecht und nationale Herkunft den Übergang in die Berufsbildung strukturieren. Wiesbaden: VS-Verlag
 

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* Dieser Kurzbericht erschien unter gleichem Titel in der Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete (VHN 3/2004)


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last update: 16.10.2009