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Forschungskontext
Von Dezember 2003 bis Februar 2007 lief am Heilpädagogischen Institut der Universität Freiburg (CH) ein Forschungsprojekt zum Thema "Lehrlingsselektion in kleinen und mittleren Betrieben - Integration und Ausschluss beim Übergang von der Schule in die Berufslehre". Das Forschungsvorhaben wurde im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms Integration und Ausschluss (NFP 51) gefördert. Das Projekt untersuchte aus betrieblicher Perspektive die allgemeine Frage, aufgrund welcher Kriterien Jugendliche eine Lehrstelle zugesprochen erhalten. In einer früheren Untersuchung konnten wir aufzeigen, dass inhaltliche und formale Schulqualifikationen nur beschränkt erklären können, weshalb jemand Zugang zu einer Berufslehre erhält (vgl. Haeberlin, Imdorf & Kronig 2004). Eine wichtige Rolle neben schulischem Wissen spielen offenbar auch soziale Beziehungsnetze und ein genügendes Vorschussvertrauen der Lehrbetriebe gegenüber den KandidatInnen.

Fragestellung
Konkret haben wir danach gefragt, aufgrund welcher Entscheidungsregeln Klein- und Mittelunternehmen (KMU) ihre Lehrstellen vergeben. Mit einem interpretativen Forschungsansatz wurde untersucht, nach welcher institutionellen Logik die Besetzung beruflicher Ausbildungsplätze erfolgt, und inwiefern die Bewerbermerkmale Geschlecht, Nationale Herkunft sowie Schulbiographie die betrieblichen Selektionsentscheide beeinflussen. Die Relevanz der Schullaufbahn einer Bewerberin für das betriebliche Selektionshandeln verweist auf eine sonderpädagogische Dimension des Forschungsvorhabens. In einer langjährigen Follow-up-Studie konnten deutliche Anzeichen von benachteiligenden Stigmatisierungseffekten einer Sonderschulbiographie bei der Lehrstellensuche aufgezeigt werden (Riedo 2000). Wir stellten uns daher die Frage, welchen Stellenwert das Etikett einer sonderpädagogischen Betreuung bzw. minderwertige schulische Formalqualifikationen im Allgemeinen für die betriebliche Selektionspraxis haben.

Theoretischer Hintergrund
Auf theoretischer Ebene wird der Ausbildungsbetrieb als zentrale organisatorische Einheit betrachtet, die Angebot und Qualität von Ausbildungsplätzen bestimmt (vgl. Bender, Konietzka & Sopp 2000). In Anlehnung an das Konzept der Institutionellen Diskriminierung (Gomolla & Radtke 2002) kann der Bewerbungs(miss)erfolg als Resultat eines betrieblichen Klassifikationsprozesses in Abhängigkeit eigener Sachzwänge betrachtet werden. Als wesentlich werden die betrieblichen Deutungen realer und antizipierter Ressourcen von AspirantInnen erachtet. In Anlehnung an Bourdieu (1983; 1993) handelt es sich um das kulturelle Kapital ("Kompetenzen") der BewerberInnen sowie um ihr symbolisches Kapital. Mit Bezugnahme auf die bourdieusche Sozialtheorie sowie auf organisationstheoretische Konzepte sollen die Ergebnisse in einen gesellschaftstheoretischen Rahmen eingebunden werden.

Methodisches Vorgehen
Mit einem kombinierten Bewerber- und Betriebsdatensatz (vgl. Bender et al. 2000) wurde die Verbindung zwischen Betriebsdaten und individuellen Aspirantendaten angestrebt. Über kantonale Berufsinformationszentren (BIZ), Brückenangebote sowie Schulen mit 9. und 10. Klassen wurden im Schuljahr 2004/05 Lehrstellensuchende rekrutiert, die sich erfolglos auf Berufslehren als Autolackierer/in, Automonteur/in,  Automechaniker/in, Schreiner/in, Dentalassistent/in, Medizinische/r Praxisassistent/in, sowie Kauffrau/Kaufmann im Verwaltungsbereich von KMU beworben hatten.

In der Folge wurden diese Betriebe kontaktiert, und die Selektionsverantwortlichen (Gatekeeper) um ein Experteninterview zur betriebsüblichen Selektionspraxis gebeten. Über die befragten Betriebe konnten schliesslich die erfolgreichen KandidatInnen erreicht werden. Die erfolglosen und erfolgreichen BewerberInnen wurden im Anschluss an die Betriebsbefragungen zu selektionsrelevanten Aspekten retrospektiv telefonisch nachbefragt. Die Selbstbeobachtung der Jugendlichen hinsichtlich ihrer Bewerbungsprozesse kann so der betrieblichen Sichtweise gegenüber gestellt werden.

Die erreichte kombinierte Stichprobe umfasst 67 KMU und 89 BewerberInnen, die insgesamt 110 Bewerbungsversuche bei den untersuchten Betrieben repräsentieren. Die Betriebsstichprobe umfasst 14 weitere Lehrfirmen (ohne Bewerber). Zudem wurden Interviews mit acht Berufsverbänden geführt.



Experteninterviews eignen sich in besonderem Masse zur Rekonstruktion betrieblicher Selektionspraktiken, da sie das Interesse auf organisatorische Kontexte mit ihren Wissens- und Handlungsstrukturen richten. Die Expertise der Befragten kann als Ausdrucksgestalt betrieblicher Sinnkonstruktion betrachtet werden (Froschauer & Lueger 2002). Über Expertenstatus verfügt, wer über einen privilegierten Zugang zu betrieblichen Wissensbeständen verfügt (Meuser & Nagel 2002). Um das selektionsbegründende Wissen aus Sicht der Betriebe zu rekonstruieren, wurde das erhobene Textmaterial u.a. einer interpretativen Argumentationsanalyse unterzogen (in Anlehnung an Toulmin 1996).

Forschungserträge
Die explorative Untersuchung "Lehrlingsselektion in KMU" will den Eingangsbereich in die duale Berufsausbildung aus einem betrieblichen Zugang heraus theoretisieren. Die Ergebnisse ermöglichen Hinweise darauf, wie in Zukunft das selektive Eingangstor der betrieblichen Berufsausbildung für integrationsfördernde Sichtweisen und Massnahmen sensibilisiert werden könnte.

Resultate
Einen Auszug aus dem Schlussbericht finden Sie hier. Eine Übersicht der bisherigen wissenschaftlichen Publikationen sowie einen Kurzbericht, der die wichtigsten Resultate alltagssprachlich zusammenfasst, finden Sie hier.

Weiterführung der Forschung
Dank eines Forschungsstipendiums des Schweizerischen Nationalfonds kann Christian Imdorf die begonnene Forschung bis Ende 2009 an Forschungseinrichtungen in Deutschland, Frankreich und Schottland weiterführen. Schwerpunkt einer Sekundäranalyse des Datenmaterials bilden betriebliche Rechtfertigungsstrategien, vgl. www.traineeselection.info


Zitierte Literatur

Bender, S.; Konietzka, D.; Sopp, P. (2000). Diskontinuität im Erwerbsverlauf und betrieblicher Kontext. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 52 (3) 475-499.
Bourdieu, P. (1983). Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital. In: Kreckel, R.: Soziale Ungleichheiten. Göttingen: Otto Schwartz & Co., 183-220.
Bourdieu, P. (1993). Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
Froschauer, U.; Lueger, M. (2002). ExpertInnengespräche in der interpretativen Organisationsforschung. In: Bogner, A., Littig B. & Menz, W.: Das Experteninterview: Theorie, Methode, Anwendung. Opladen: Leske + Budrich, 223-240.
Gomolla, M.; Radtke, F.-O. (2002). Institutionelle Diskriminierung. Die Herstellung ethnischer Differenz in der Schule. Opladen: Leske + Budrich.
Haeberlin, U.; Imdorf, Ch. & Kronig, W. (2004). Von der Schule in die Berufslehre. Untersuchungen zur Benachteiligung von ausländischen und von weiblichen Jugendlichen bei der Lehrstellensuche. Bern: Haupt.   >>>_Flyer (pdf 32KB)
Meuser, M.; Nagel, U. (2002). ExpertInneninterviews ? vielfach erprobt, wenig bedacht. In: Bogner, A., Littig B. & Menz, W.: Das Experteninterview: Theorie, Methode, Anwendung. Opladen: Leske + Budrich, 71-93.
Riedo, D. (2000). "Ich war früher ein sehr schlechter Schüler ..." - Schule, Beruf und Ausbildungswege aus der Sicht ehemals schulleistungsschwacher junger Erwachsener. Bern: Haupt.
Toulmin, St. (1996). Der Gebrauch von Argumenten. 2. Aufl. Weinheim: Beltz Athenäum.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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last update: 16.10.2009